Cover Deutschstunde

Siegfried Lenz: ein moderner Literaturklassiker (1926-2014)

Siegfried Lenz begleitete Leserinnen und Leser als Erzähler durch die Nachkriegszeit bis 2014, als er in Hamburg starb. Millionenauflagen seiner Bücher, Verfilmungen, Literaturkritiken und zahlreiche Interviews zeugen von der Bedeutung des Autors, der 1926 als Beamtensohn in Ostpreußen geboren wurde, früh seinen Vater durch Tod und seine Mutter durch Wegzug verlor, das Notabitur machte und bei der Kriegsmarine auf der in der Ostsee versenkten „Admiral Scheer“ Dienst tat, bevor er desertierte und in britischer Kriegsgefangenschaft das Kriegsende erlebte. Ob Siegfried Lenz am 12. Juli 1943 den Antrag stellte, in die NSDAP aufgenommen zu werden und ihr am 20. April 1944 beitrat, wie es Unterlagen des Bundesarchivs verzeichnen, konnte nicht geklärt werden; er selbst gab an, nichts davon zu wissen und ohne sein Wissen in einem Sammelverfahren aufgenommen worden zu sein.

Cover DeutschstundeIn Hamburg begann Lenz mit dem Studium der Philosophie, Anglistik und Literaturgeschichte, brach es aber ab, um bei der Tageszeitung „Die Welt“ anzuheuern, wo er seine Frau Liselotte kennenlernte, die er 1949 heiratete. Zum Schriftsteller machte Siegfried Lenz sein erster Roman, den er 1951 unter dem Titel „Es waren Habichte in der Luft“ veröffentlichte. Schon mit diesem Buch wurde klar, dass Lenz etwas zu sagen, etwas aufzuarbeiten hatte, denn es ging um einen Menschen, den die Häscher eines totalitären Staates verfolgen. Noch zeigte sich Siegfried Lenz dabei unter dem Einfluss des französischen Existenzialismus, doch das sollte sich ändern. Das verdiente Honorar ermöglichte Lenz eine lange Reise durch Afrika. Zurückgekehrt entschloss er sich als freier Schriftsteller in Hamburg zu leben. Jetzt veröffentlichte Siegfried Lenz Schlag auf Schlag Erzählungen, Romane, Theaterstücke, Hörspiele und Essays. Bevor er zu einem eigenständigen Stil fand, löste er sich vom Existenzialismus und wandte sich Ernest Hemingway zu, wovon eine derbe Sprache zeugte. Weil er sich immer wieder mit der Vergangenheit auseinandersetzte, stieg er neben Heinrich Böll, Günter Grass und Martin Walser zum wichtigsten deutschen Nachkriegsliteraten auf. Mit seinen Werken unterstützte er die demokratische Erneuerung Deutschlands.

Wichtige Veröffentlichungen von Siegfried Lenz in den 1950er Jahren waren der düstere Roman „Duell mit dem Schatten“ 1953 und besonders die Kurzgeschichtensammlung „So zärtlich war Suleyken“ 1955. Der letzte Titel war eine zärtliche Liebeserklärung an seine masurische Heimat in Ostpreußen, in die viele Vertriebene nostalgisch-wehmütig einstimmen konnten. Obwohl dieses Suleyken ein fiktiver Ort ist, beschrieb Siegfried Lenz in den Geschichten um diesen Ort Land und Leute doch wirklichkeitsnah. Regelmäßig nahm er an Treffen der Gruppe 47 teil, wo Autoren ihre Werke vorstellten und diskutierten. Die literarische Öffentlichkeit nahm in Lenz eher einen Vertreter der Kurzgeschichte als des Romans wahr, denn viele seiner Kurzgeschichten wie „Das Feuerschiff“ fanden wegen ihres Modellcharakters Aufnahme in die Schulbücher. Und doch sind auch seine Romane aus der Zeit bemerkenswert und regen zum Nachdenken an: „Der Mann im Strom“ von 1957, „Brot und Spiele“ von 1959 oder „Stadtgespräch“ von 1963. Diese Romane zeigen den Bundesbürger in einer scheinbar sorglosen Konsum- und Vergnügungswelt, während er gleichzeitig immer einsamer wird.

In den 1960er Jahren lässt Siegfried Lenz Ernest Hemingway als Vorbild hinter sich und wendet sich William Faulkner als Vorbild zu. Darüber fand er eine eigene Tonalität, die von Gelassenheit und Humor geprägt war. Siegfried Lenz wollte, obwohl er sich immer wieder politisch zu Wort meldete, nicht den Zeigefinger erheben oder moralisch belehren. Zwar zeigen seine Bücher, dass es richtiges und falsches Handeln gibt, doch wollte er lieber einen Pakt mit dem Leser schließen, als ihn zu provozieren. An dieser epischen Haltung des Erzählens gab es viel Kritik und man hielt ihn für altmodisch, doch seiner Wirkung im gesellschaftlichen und literarischen Raum tat das keinen Abbruch, wie – es sei nur nebenbei erwähnt – angefangen beim Lessing-Preis Hamburgs etwa 40 Literaturpreise belegen, die Lenz im Lauf seines Lebens erhielt. 1968 veröffentlichte Siegfried Lenz seinen größten Bucherfolg: „Deutschstunde„. Darin geht es wieder um die Nazizeit und ihr Weiterleben. Im Mittelpunkt des Romans: der junge Siggi Jepsen, der in einer Anstalt für schwererziehbare Jugendliche eine Strafarbeit über „Die Freuden der Pflicht“ schreiben muss. In sie fließt die Geschichte von Siggis Vater ein, der 1943 als nördlichster Polizeiposten Deutschlands einen lautlos-tückischen Kampf mit einem unerwünschten Maler austrägt. Siegfried Lenz wendet sich in dem Buch gegen einen missverstanden Begriff von Pflicht, in dem er zeigt, dass es zwei Arten von Pflicht gibt. Die äußere Pflicht zwingt den Polizisten zum Gehorsam, die innere Pflicht den Künstler zum Malen. Der Leser, der in die Deutschstunde bei Siegfried Lenz geht, muss sich die Frage stellen, welche drängender ist? Und ob es noch Pflichten darüber hinaus gibt. Die Handlung fordert sowohl den Intellekt wie die Moralvorstellungen des Lesers heraus und die Schilderung der norddeutschen Landschaft versetzt in die Situation. Episoden aus dem Roman „Die Deutschstunde“ sind die Grundlagen für weitere Erfolge von Siegfried Lenz: 1973 „Das Vorbild“, 1978 „Heimatmuseum“ und 1985 „Exerzierplatz“. Figuren, Stimmungen und Motive verbinden diese Romane und kreisen um die zentralen Begriffe Schuld, Vergangenheit, Identität und Heimat.

In den 1980er Jahren experimentiert Siegfried Lenz mit Sprache und Stil, zeigt sich dabei immer als Meister der Stilmittel. In den 1990er Jahren schreibt er „Die Klangprobe“ (1990), „Die Auflehnung“ (1994) und „Arnes Nachlass“ (1999) – neben anderen kleineren Werken. Es ist jedoch das ruhigste Jahrzehnt, was die Veröffentlichungen angeht. Erst nach der Jahrtausendwende tritt Siegfried Lenz mit seinen Veröffentlichungen wieder stärker hervor. So etwa mit den „Mutmaßungen über die Zukunft der Literatur“ 2001, in denen sich der „größte Melancholiker der deutschen Gegenwartsliteratur“ mit der Rolle des Schriftstellers im Internetzeitalter auseinandersetzt. 2008 erschien das Buch die „Schweigeminute“, in der die fatale Liebe eines Gymnasiasten zu seiner Englischlehrerin geschildert wird. Und das Buch „Landesbühne“ von 2009 behandelte die Möglichkeiten zu Größerem, die jeder in sich trägt. Was von Siegfried Lenz bleibt? Vielleicht, dass der Schriftsteller alltägliche Menschen und ihr alltägliches Schicksal ernst nahm. Vielleicht die Erkenntnis, dass zum Leben das Scheitern gehört, aber im Scheitern gelernt werden kann. Möglich ist bei Lenz auch die Leseerfahrung, dass Menschen nicht nur gut oder nicht nur böse sind, sondern jeder Mensch Macht und Ohnmacht in sich trägt, moralische Spielräume hat. Wahrscheinlich lernen wir beim Lesen seiner Werke sogar ein wenig Demut in unserer narzisstischen Zeit.