reise in die goethezeit

Bruno Preisendörfer, Als Deutschland noch nicht Deutschland war

reise in die goethezeitDas Buch von Bruno Preisendörfer Als Deutschland noch nicht Deutschland war umgeht geschickt die Antwort auf die Frage: Seit wann ist Deutschland Deutschland? Seit 1990 und der Wiedervereinigung? Seit 1918/19 und dem Versailler Vertrag? Seit 1871? Oder … Bruno Preisendörfer behauptet mit dem Untertitel „Reise in die Goethezeit“: Damals war Deutschland noch nicht Deutschland. Und in diese Zeit nimmt er uns als „armchair traveller“ mit, denn eine Zeitmaschine ist leider noch nicht erfunden.

Reise in die Goethezeit

Die Goethezeit, so bezeichnete das deutsche Bildungsbürgertum die Jahre um 1800 nach einem Minister und Schriftsteller im kleinen thüringischen Residenzstädtchen Weimar. Auch diese Epochenbezeichnung wird kommentarlos akzeptiert. Der Preisendörfersche Zeitreiseführer in die Goethezeit hat kaum etwas Systematisches, dafür viel Erzählerisches, Anekdotisches. Zeitzeugen von damals kommen zu Wort und berichten über Kultur, Politik, Wirtschaft, Soziales und Banales, Kleines und Großes. Das mag ich. Ehrlich. Anekdoten- und Quellen-Sammlungen finden in mir immer einen interessierten Leser. Sie bringen mir anders als Fachbücher die Person, den Gegenstand oder das Ereignis auf eine charmante Art näher, aus einem ungewohnten Blickwinkel, auf eine erheiternde Weise oder so, dass ich mich anschließend frage: Und wie hätte ich mich in dieser Situation verhalten? Das hat etwas Anrührendes.

Die Goethezeit beschreibt Preisendörfer als Umbruchszeit. Als Zeit der Französischen Revolution, des Siebenjährigen Krieges, der Staatsbildung Amerikas, der napoleonischen Kriege, des Zusammenbruchs des Heiligen Römischen Reiches, Metternichs Restauration, des Hungers, der Pocken, der ersten Kolonialwaren, des Aufkommens von Manufakturen und Fabriken, der Verarmung des Adels, der Etablierung des Bürgerstandes … Aber manches Alte hielt sich auch. Die Arbeit wurde noch immer vom Gesinde erledigt, die Häuser und Höfe noch wie vor Jahrhunderten gebaut, viele Menschen glaubten trotz Aufklärung an Hexen, Dorfpfarrer trieben den Teufel aus.

Als Deutschland noch nicht Deutschland war konkret

Und dann steht der Leser plötzlich am 7. November 1775 morgens um fünf ohne Handy, Brille, Brieftasche und Uhr vor dem Haus des Kammergerichtspräsidenten von Kalb und sieht zu, wie die Kutsche von Goethe vorfährt. Oder er sitzt 1773 acht Tage auf dem Rücken eines Pferds von Berlin nach Danzig und begleitet den Kupferstecher Daniel Chodowiecki. Stunden verbringt der Leser zwischen Bauernkindern auf Schulbänken oder besucht Vorlesungen an den Universitäten von damals. Mit E.T.A. Hoffmann muss der Leser einen Schiffsunfall auf der Oder bestehen und er beobachtet die Beerdigung von Gottfried August Bürger. Schon angesichts dieser wenigen Andeutungen, was uns in Preisendörfers Goethezeit-Buch begegnet, dämmert, dass es nicht nur die „gute alte Zeit“ ist, die uns hier begegnet. Mit Idylle hatte der damalige Alltag in Deutschland so wenig zu tun wie heute.

Bruno Preisendörfer entfaltet ein faktenreiches Kaleidoskop der Sozial- und Kulturgeschichte der Zeit um 1800, das sich zu lesen lohnt. Nie hätte ich mir vorstellen können, dass es um 1800 rund um die Uhr nervenzehrend zuging, dass das Leben meist kalt, schmutzig und lebensbedrohlich war. Und das in allen etwa 300 Territorien, die es damals auf dem Boden Deutschlands gab – vom stattlichen Königreich bis zur handtuchgroßen Prälatur. Da hilft es nichts, die Stiche von damals in Gold zu rahmen. Preisendörfer faselt nicht vom Geist der Goethezeit, sondern zeigt ihren nackten Körper, geht ihr quasi „an die Wäsche“. Für uns Heutige ist die Reise in die Goethezeit dennoch nicht an allen Stellen eine schwierige Expedition, denn mit den Intellektuellen von damals können wir uns verständigen. Sie lebten im Frühjahr unserer Epoche. Die kulturelle Verfeinerung, die heutige Wohnkultur, die Art heutigen gesellschaftlichen Umgangs hatte in Ansätzen begonnen. So wechseln sich Vertrautheit und Fremdheit auf unserer Goethezeit-Reise ab.

Wer mag, kann das Buch als einen unterhaltsamen Geschichtsunterricht betrachten. Die Quellen, Berichte von Zeitzeugen, lassen die Dimensionen der sozialen Unterschiede jener Zeit deutlich werden, die Armut der niederen Stände, die Privilegien der herrschenden Klasse, den Alltag der Menschen in unterschiedlichen Schichten auf dem Land und in der Stadt und sie beleuchten die Themen Familie, Sexualität, Natur und Tod. Auf jeden Fall kann der Leser im Spiegel der damaligen Zeit unsere heutigen Sorgen aus einem anderen Blickwinkel betrachten.

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