Der Sohn

Der Sohn von Jo Nesbø

Dass Jo Nesbø Schriftsteller wurde, könnte ihm in die Wiege gelegt worden sein, denn er ist der Sohn einer Bibliothekarin. Er brachte die verschiedensten Versuche hinter sich, im Leben Fuß zu fassen. Profi-Fußballer, Finanzanalyst, Sänger, Komponist, Makler, Journalist: Das alles probierte er, bevor er mit seiner Harry-Hole-Reihe den Psychopathen in uns ansprach, indem er einen alkoholkranken und alleinstehenden Kommissar erfand, der brutalste Morde ermitteln muss. Der erste Titel mit Harry Hole erschien 1997 (Der Fledermausmann). Inzwischen haben Kakerlaken, Rotkehlchen, Die Fährte, Das fünfte Zeichen, Der Erlöser, Schneemann, Leopard, Die Larve, Koma und weitere Werke (auch Kinderbücher) Jo Nesbø zig Preise eingebracht. Jo Nesbø ist zum millionenfachen Umsatzbringer in fast 50 Ländern der Welt geworden.

Der Sohn als Rachefeldzug

Aber zu Der Sohn von Jo Nesbø! Der Krimi fällt aus der Harry-Hole-Reihe, hat eine Alleinstellung. Es geht um Sonny Lofthus, einen Gefangenen im Hochsicherheitsgefängnis, der nach dem Selbstmord seines Vater flieht, um die Verantwortlichen für die Korruption, in die sein Vater hineingezogen wurde, zur Rechenschaft zu ziehen. Dabei stößt er auf Simon Kefas, einen Kommissar, der mit seinem Vater seit Jugendzeit befreundet war. Die Verwicklungen um Verrat, Sünde, Gerechtigkeit und Rache sind elektrisierend, wie es der Verlag verspricht.

Dass Jo Nesbø auch außerhalb der Harry-Hole-Reihe fesseln kann, beweist Der Sohn auf atemberaubende Weise. Die Akteure sind realistisch undDer Sohn differenziert gezeichnet, bis zum Schluss windet sich die Geschichte immer wieder neu und überraschend, emotional aufwühlend und undurchsichtig. Weil Sonny Lofthus, wenn auch aus Rache, gegen die Korruption in höheren Gesellschaftskreisen angeht, bringt LeserInnen schnell auf die Seite des Rächers. Ob man für die brutalen Morde von Sonny noch Verständnis aufbringt, entscheidet jeder selbst – auch der ermittelnde Kommissar ist moralisch hin und her gerissen. Worauf das Geschehen am Ende hinausläuft, bleibt einem hollywoodreifen Showdown überlassen. Soviel sei gesagt: Der Sinn für Gerechtigkeit wird geschult.

Der Sohn und die Grauzone

Die Frage nach Rache, die Frage nach Recht und Unrecht, nach Schwarz und Weiß, das Thema der Selbstjustiz machen den skandinavischen Thriller so spannend, dass man nicht merkt, wie die Suche nach einem Täter in diesem Buch wegfällt. Reiche Menschen mit Beziehungen erlauben sich bei Jo Nesbø alles und schieben ihre Verbrechen anderen in die Schuhe, ob Mord, Vergewaltigung oder Misshandlung. Die höchsten Gesellschaftsschichten scheinen durch Polizei und Gesetz geschützt, so sehr geschützt, dass der Sohn des korrupten Polizisten, der Selbstmord beging, keinen anderen Weg sieht, als selbst für Gerechtigkeit zu sorgen. Dass er einen aussichtslos scheinenden Kampf gegen übermächtige Gegner austrägt, bringt ihm einen Kampf auf Leben und Tod ein. Aber ein Mörder mit „Gutmenschen-Etikett“: Ist die Grauzone zwischen Gut und Böse wirklich so breit?

Der Leser von Nesbøs Rache-Thriller wird gezwungen, sich über diese Frage Gedanken zu machen. Fast schon philosophisch. Integrität, Käuflichkeit des Gewissens, Moral, Schuld sind Fragen, die angesichts von Drogenhandel, Zwangsprostitution, Geldwäsche, Korruption und Organisiertem Verbrechen neu zu stellen sind. Ohne die Stützen von Politik, Gesellschaft und Wirtschaft wären diese Verbrechen in Der Sohn nicht möglich. Egal, wie man sich lesend zu diesen Zuständen und dahinterliegenden Fragen stellt, die Entscheidung ist nicht einfach oder klar. Legt man das Buch von Nesbø aus der Hand, mag man erleichtert aufatmen, dass man bestimmte Entscheidungen vielleicht nie treffen muss. Der Sohn von Jo Nesbø ist so betrachtet ein eminent sozialkritischer Thriller und impliziert, dass es Mord aus moralischen Motiven geben kann. Dieser Implikation muss man nicht folgen. Aber vielleicht lernt der ein oder andere Leser durch den Triller wieder kritische Fragen über das systematisch Böse in unserer Gesellschaft zu stellen. Oder er fragt sich, was jemanden bewegt, sich aus Gerechtigkeitsempfinden auf die Seite des Bösen zu stellen.

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