Gegenspiel

Gegenspiel von Stephan Thome

GegenspielGegenspiel von Stephan Thome handelt von den Träumen einer Frau. Thome verfolgt eine Portugiesin über Jahrzehnte: wie sie nach der Nelkenrevolution Mitte der 1970er Jahre mit achtzehn das Land verlässt, weil es ihr keine Perspektiven bietet. Maria will mehr vom Leben als Heirat und Kinderkriegen. Anfang der 1980er Jahre findet sie sich in Berlin und einem Studium wieder, geht eine Beziehung zu einem linken Theatermacher ein, die jedoch scheitert. Von der Westberliner Hausbesetzer-Szene gerät sie in die deutsche Provinz Nordrhein-Westfalens. Bevor sie sich umblicken kann ist sie Ehefrau und Mutter geworden, während ihr Mann Hartmut Hainbach als Bonner Professor Karriere machen konnte. Der Wunsch nach Unabhängigkeit gärt jedoch weiter in ihr, auch wenn sie sich äußerlich mit den familiären Verhältnissen arrangiert. Bis hierher klingt die Geschichte von Täuschung und Selbsttäuschung altbekannt. Doch als die gemeinsame Tochter erwachsen ist und das Haus verlässt, trifft auch Maria eine Entscheidung.

Eine Lebenslüge ist etwas, was sich der eine nicht zu sagen traut und der andere nicht hören will. Solche Lebenslügen grassieren in der deutschen Mittelschicht wie Schimmel an den Wänden. Stephan Thome blickt in Gegenspiel genau hin – mit Empathie, aber auch wie ein Familienpsychologe. In kleinen Happen serviert der Autor nach und nach die Wahrheit, die auf verschiedenen Zeitebenen abgelegt ist, aber immer so, dass ich als Leser den Überblick behalte und dabei bleibt. Mit jedem Lebensabschnitt kommen neue Wünsche, Hoffnungen, Charakterzüge und intime Geheimnisse von Maria an das Licht des Buchs. Das zeigt, dass man weder sich noch andere belügen kann, dass die Sehnsucht nach Freiheit, nach Selbstverwirklichung nicht zu unterdrücken ist. Jeder Mensch hat gegenüber seiner eigenen Biographie und anderen Menschen gegenüber eine Verantwortung, der er nicht entfliehen kann.

GegenspielStephan Thome schrieb schon vor Gegenspiel spannende Romane. 2009 überraschte er mit seinem Romandebüt Grenzgang. Schon darin fiel auf, dass er Meister der Dialoge ist und seelische Zwischentöne zu gestalten weiß. Längst wurde der Roman verfilmt und 2012 kam sein Reiseroman Fliehkräfte auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises. Stephan Thome heißt eigentlich Thomas Schmidt und studierte Philosophie, Religionswissenschaft und Sinologie. Vielleicht liegt es an dieser Vorbildung, dass sein realistisches Schreiben von einem pessimistischen Grundton durchzogen ist.

Faszinierend an Gegenspiel ist die Tatsache, dass Stephan Thome die Geschichte von Fliehkräfte ein zweites Mal erzählt. Jetzt nicht aus Hartmut Hainbachs Perspektive, sondern aus der Sicht seiner portugiesischen Frau. Das überrascht zwar, doch es gibt keine Knalleffekte. Thome berichtet nur. Er verfolgt seine Figuren auf Schritt und Tritt. Und dabei wird das Nebeneinanderherleben gegenüber Fliehkräfte potenziert. Banale Alltagssituationen zeigen die Missverständnisse, die Sprachlosigkeit und das Scheitern von Beziehungen im Umsichselbstkreisen. Die Frage, wie heute in Zeiten der Globalisierung und der Sehnsucht nach Selbstverwirklichung Familie gelebt werden kann, steht dabei immer im Hintergrund.

Man muss Fliehkräfte nicht gelesen haben, um Gegenspiel zu verstehen, aber beide Bücher machen verständlich, dass es sowohl in Hartmuts wie in Marias Leben um die latente Unzufriedenheit mit der eigenen Rolle und den Versuch geht, daran etwas zu ändern. Dieses Spiel mit den unterschiedlichen Perspektiven lohnt zu lesen, denn es zeigt, wie unterschiedlich der Blick auf ein gemeinsames Leben sein kann. Das überraschende Ende dieser Versuche ein Leben in Worte und Gedanken zu fassen sei hier nicht verraten.