Kim und Struppi von Christian Eisert

kim und struppiZu was die Machthaber von Nordkorea fähig sind, wenn ihnen etwas nicht behagt, zeigte der satirische Film „The Interview“. Wer ihn zeigte, wurde mit einer „gnadenlosen Strafe“ bedroht, die Filmfirma geriet in das Visier von Hackern. Auch das Buch Kim und Struppi von Christian Eisert kann der Diktatur, die Menschen hungern und foltern lässt, kaum gefallen. Denn hier schreibt jemand, der im Gegensatz zu 99,999 Prozent anderen Deutschen die Demokratische Volksrepublik Korea, so die offizielle Bezeichnung für das kommunistische Paradies in Nordkorea, wirklich besucht hat.

Autor Christian Eisert

Der Nordkorea-Reisende Christian Eisert ist selbst in einem Kim-&-Struppi-Staat geboren: der ehemaligen DDR. Dort erblickte der heutige TV-Autor, Satiriker und Comedy-Mann 1976 in Ostberlin das Licht der Welt. Dort versuchten die Genossinnen und Genossen einen guten Sozialisten aus ihm zu machen, weshalb ihm „Struppis“, sozialistische Genossen, in den 1980er Jahren an der „Schule der Freundschaft zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und der Demokratischen Republik Korea“ in Ost-Berlin einen Film zeigten, in dem fröhliche nordkoreanische Kinder auf einer regenbogenfarbenen überdimensionierten Wasserrutsche Spaß hatten. Im Film hieß es, der Machthaber Kim Il-sung habe sie selbst gebaut. Christian Eisert soll daraufhin das Ziel entwickelt haben, diese bunte Riesenrutsche persönlich in Augenschein zu nehmen. Normalerweise verpuffen solche Kindheit-Jugend-Ziele im Laufe der Lebensgeschichte, doch nicht bei Christian Eisert. Der machte sich mit einer Freundin, der Fotoreporterin Thanh Hoang, und gefälschten Biographien auf die Reise ins wohl bizarrste Land der Welt. Ohne gefälschte Biographien wären beide nicht ins Land gekommen. Weder die Fotoreporterin noch der bekannte Gag-Autor für TV-Formate wie Helmut Schmidt, Kaya Yanar, Ingo Appelt oder Mike Krüger. Denn er beherrscht das Handwerk des Ideologen immer suspekten humorvollen Schreibens, wie mehrere satirische Veröffentlichungen beweisen.

Ferien in Nordkorea

kim und struppiKim und Struppi – Ferien in Nordkorea unterscheidet sich aber deutlich von Veröffentlichungen wie Das transsexuelle Osterkaninchen oder Pudel im Aspik. Wer das Buch, das es auf die SPIEGEL-Bestsellerliste (Paperback Sachbuch) schaffte, unbedingt einordnen muss, liegt nicht falsch es als erzählendes Sachbuch mit humorvollem satirischen Unterton zu bezeichnen. Locker und heiter präsentiert der Autor nicht nur einen Reisebericht, sondern eine von skurriler Realität erfüllten Welt, die an die Comics von „Tim und Struppi“ erinnern. Und das, obwohl sowohl ihr Reiseführer, der Autor, seine Freundin und alle Personen, mit denen sie zu tun haben, ständig vom Geheimdienst überwacht werden. Übrigens: In „Tim und Struppi“ ist Held der Geschichten der junge belgische Reporter Tim, der um die ganze Welt reist und in Abenteuergeschichten verwickelt wird. Struppi, der heimliche Held der Serie, ist der treue Drahthaar-Foxterrier, der seinem Herrn Tim überall hin folgt. Parallelen zur Nordkorea-Reise von Eisert liegen auf der Hand.

Zwischen den Zeilen von Kim & Struppi wird klar, dass es einen riesigen Unterschied zwischen dem gibt, was dem Touristen gezeigt wird, und was hinter den Kulissen zu sehen ist: „Pjöngjang ist beeindruckend, hier gibt es wunderschöne Fassaden“, schrieb Eisert deshalb auf die Postkarten, die er aus Nordkorea verschickte. So realsatirisch und pointiert geht es im ganzen Buch zu. Denn es geht ihm nicht darum einen Reiseführer zu schreiben und damit den Tourismus in Nordkorea anzukurbeln. Nur nebenbei findet jemand, der tatsächlich ins Land des Großen Kim einreisen will, nützliche und rettende Tipps. Das Schwergewicht von Kim & Struppi liegt jedoch auf bizzarren Dialogen und unterhaltsamen Beobachten. Könnte ja sein, dass dem ein oder anderen die Mallorca-Reise doch nicht mehr reicht.

Unbekanntes Land

Nordkorea hat einiges, was der Westler in anderen Urlaubsgebieten dieser Welt schmerzhaft vermisst: leere Autobahnen, Dunkelheit bei Nacht, klare Regeln, wenige Auswahlmöglichkeiten – und Unerreichbarkeit. Also die reinste Entspannung für gestresste Manager. Oder? Nicht ganz, denn Hinrichtungen, Folter und Überwachung bis ins Hotelzimmer gibt es in Nordkorea auch. So ist der Humor, die ironisch-politische Anekdote nicht Selbstzweck sondern dient der Abwehr des Schreckens, den ein Außenstehender auf Schritt und Tritt in Nordkorea erlebt. Denn er wird wie Christian Eisert bei der ersten Berührung mit einem Nordkoreaner spüren: Sie fühlen sich warm an. Trotz allem Nervenaufrieb, weil man unter ihnen nicht tun und lassen kann, was man will.

Mit Christian Eisert in Nordkorea Urlaub zu machen, bringt eine Menge Spaß. Zumindest im Buch, das mitten im Mainstream landete, weil es aus einer heiteren Perspektive erzählt, ohne die Menschenrechtsverletzungen zu verschweigen, weil es vordergründig unterhält und hintergründig Fakten vermittelt. Der Ansatz befördert die Beschäftigung mit dem letzten unentdeckten Land der Welt und erweckt Empathie mit den Nordkoreanern.

Reisen Sie mit Kim & Struppi!