Kindeswohl

Kindeswohl von Ian McEwan

Ian McEwans Buch Kindeswohl beschäftigt sich mit einem 17 Jahre alten Jugendlichen, der aus religiösen Gründen eine Bluttransfusion ablehnt. Es geht also um ein Dilemma, in das eine religiöse Haltung stürzt. Den Fall bekommt die Richterin Fiona Maye am High Court von London auf den Tisch. Die angesehene 59-Jährige muss nicht nur entscheiden, ob sie zum Wohl des Jugendlichen die Bluttransfusion anordnen soll, sondern hat auch privat eine lebenswichtige Frage auf ihrer Agenda. Ihr Mann, ein Professor für Alte Geschichte, sie ist mit ihm über 30 Jahre verheiratet, konfrontiert sie mit der Frage, ob sie damit einverstanden ist, dass er mit einer Jüngeren eine Affäre eingeht.

Aus der Luft gegriffen ist die Frage nicht. Fiona, die bisher eine kultivierte Ehe führte, will sie nicht gefährden und sagt nein. Was dazu führt, dass ihr Mann Jack auszieht. Daraufhin tauscht sie das Türschloss aus. Stereotyp wie in den Ehescheidungsfällen, die sie als Familienrichterin bearbeiten muss. Ein Glück, dass sie sich ganz auf den Fall Adam Henry konzentrieren kann, der Zeuge Jehovas ist und sich von der klagenden Klinik nicht fremdes Blut übertragen lassen will. Was ist höher einzuschätzen: das Selbstbestimmungsrecht eines bald volljährigen Menschen oder die Erhaltung seines Lebens? Ein Besuch am Krankenbett bringt für die Familienrichterin die Entscheidung – für das Leben und die Liebe. Beide liegen noch vor Adam Henry. Der kranke Jugendliche spielt Geige, die Richterin singt dazu ein Lied. Dabei wird der Richterin klar, dass Kultur, Kunst und Liebe die Werte sind, die gegen die Religion stehen und das diesseitige Leben lebenswert machen. Ihnen will sie im Fall von Adam Henry mit ihrer Entscheidung zum Sieg verhelfen.

Das Thema ist ähnlich wie bei Michael Houellebecq in Unterwerfung der Konflikt zwischen dem säkularen Staat und der Religion. Man könnte den Konflikt auch den Konflikt zwischen Religion und Leben nennen, wie Ian McEwan in Kindeswohl suggeriert. Das würde jedoch jede Religion ablehnen, denn Religion muss darauf bestehen, dass das Leben keinen Gegensatz zu ihren Lehren darstellt, sondern – und das ist der ideologische „Trick“ jeder Religion – das „wahre“ Leben sei. Dagegen spricht sich Ian McEwan aus: Der Einzelfall zählt, nicht das Prinzip. Der Mensch geht vor die Ideologie. Nur so kann das Individium Geschichte haben.

kindeswohlDie moralisch-ethische Frage ist hochaktuell. Denn die UN-Kinderrechtskonvention hatte 1989 die Entscheidungsrechte von Kindern und Jugendlichen gestärkt. Ihre Meinung muss bei Urteilen einbezogen werden. Was aber sagt das Recht, das mit einem so genannten „Kindeswohl“ operiert, um Kinder und Jugendliche vor sich selbst oder den Eltern zu schützen? In dem Fall von Ian McEwan, der einem wahren Fall nachgebildet ist, auch vor dem Anspruch der Religion.

Der Roman Kindeswohl endet nicht damit, dass die Grenzen von Recht und Religion in einer säkularen Gesellschaft definiert werden. Durch die Entscheidung der Richterin gerät der Junge ins Nachdenken über seine Eltern und den Glauben der Zeugen Jehovas. Er sucht mit Briefen Kontakt zu Fiona Maye, die in der Provinz Fälle recherchiert und sich Adam gegenüber zu professioneller Distanz entscheidet, indem sie seine Briefe nicht beantwortet. Doch eines Tages taucht Adam Henry bei ihr auf und bittet die Richterin bei ihr leben zu dürfen, doch die lehnt das ab. Und als sich die Leukämie bei dem 18-Jährigen zurückmeldet, kann er eine zweite Bluttransfusion ablehnen. Sein Tod verfolgt die Familienrichterin, fühlt sie sich doch mitverantwortlich, weil sie dem geretteten Jugendlichen keinen Weg in das Leben zeigte. Der Tod des Leukämiekranken zeigt, wie stark die Bande der Religion sind und wie viel Rationaliät, Mitgefühl und Menschlichkeit es bräuchte, die religiösen Haltungen und Überzeugungen zu durchbrechen.

Betrachte ich die Diskussionen und Ereignisse der letzten Zeit, gewinne ich den Eindruck, die Dilemmata zwischen Religion und säkularer Gesellschaft nehmen immer größeren Raum ein. Ian McEwans Kindeswohl ist ein Roman, der in der Person der Richterin überzeugend darstellt, dass die säkulare Gesellschaft nicht die Weisheit verkörpert. Auf wenig Raum schafft der Autor eine Gedankentiefe, die den Leser zu einer eigenen Meinung zwingt. Angesichts des Romanendes frage ich mich, wie Intoleranz von Religionen „in den Griff zu bekommen ist“ oder ob ein Eingreifen überhaupt sinnvoll ist. Wahrscheinlich ist weder ein Handeln noch ein Nichthandeln das Richtige – beides kann schiefgehen und zu Schuld führen, wie Ian McEwan zeigt. Auch wenn sich Ian McEwan eine „kleine“ Religion für seine Fallschilderung gewählt hat: Dem Leser wird klar, dass auch überregionale und durch die Konfrontation mit globalen Religionen ausgelöste Konflikte auf der lokalen Ebene und im Umkreis des eigenen Lebens ein Echo mit Implikationen auslösen, die weit über den Einzelfall hinausgehen.

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