Märzgefallene von Volker Kutscher

Volker KutscherEine Gesellschaft spiegele sich immer auch in ihrer Kriminalität, behauptet Volker Kutscher. Volker Kutscher ist Journalist und Schriftsteller. Er muss es wissen, denn nach dem Studium der Germanistik, Philosophie und Geschichte arbeitete er als Lokalredakteur in Wipperfürth, wo er 1962 geboren wurde. Ein Lokalredakteur erlebt das Verbrechen so hautnah wie die Polizeibeamten vor Ort. Bullenmord, seinen ersten Krimi, schrieb Volker Kutscher 1995 für den Emons Verlag. 1998 folgte im gleichen Verlag Vater unser und 2003 Der schwarze Jakobiner. 2007 allerdings wechselte der Krimiautor Kutscher zum Kiepenheuer & Witsch Verlag. Der nasse Fisch war der erste Band der Krimiserie um Gereon Rath, den Kommissar, der in Köln ermittelte. Gereon – der Name deutet schon an, in welcher Zeit die Krimiserie spielt: in der Zeit der Weimarer Republik. Von Fall zu Fall eroberte sich Gereon Rath eine zunehmende Menge an lesend ermittelnden Fans. Schon Der stumme Tod, zweiter Reihenband, erhielt einen Krimipreis. Und weitere Preise für die Rath-Reihe folgten.

Volker Kutscher verbindet in der Gereon-Rath-Krimiserie Elemente des klassischen amerikanischen Gangsterfilms mit Mythen des Berlins der Vorkriegszeit. Dabei geht es Volker Kutscher nicht nur um die Lösung eines Falls, sondern ebenso sehr um die Schilderung der damaligen Zeit und der Welt, in der Kommissar Rath lebte. Es ist die Welt Kästners, an dessen Sprache sich Volker Kutscher gern orientiert und dessen betrogene Generation er in den Mittelpunkt stellt, eine Generation, die zwei Weltkriege erlebte. Und es ist die Welt von Chandler und Hammett, die Welt der Metropolen der damaligen Zeit, in der sich Kriminalität und Hochkultur die Hand reichten. Nur transponiert in Döblins und Kästners Berlin.

Die Webseite zu Gereon Rath zeigt, wie intensiv Volker Kutscher recherchiert, wie historisch genau der Krimiautor den damaligen Berliner Alltag nimmt, ohne sich von der Historie zu sehr einengen zu lassen, denn im Vordergrund steht die Krimifiktion. Die historische Genauigkeit geht bis in die Sprache. Es kommen Neger, Drahtesel und Backfische vor, wenn die Geschichte Deutschlands in den zwanziger und dreißiger Jahren vor der Katastrophe geschildert wird. Mit dem Krimi Märzgefallene erreicht Volker Kutscher die Zeit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten. Märzgefallene spielt im Schatten des Berliner Reichstagsbrandes 1933. Gerade hat Gereon Rath den Rosenmontag gefeiert, ist mit der falschen Frau im Bett aufgewacht. Da bekommt er per Telefon eine Urlaubssperre verpasst und muss von seinem ungeliebten Vorgesetzten Wilhelm Böhm einen Fall übernehmen, denn der hat sich mit dem neuen Nazi-Polizeipräsidenten angelegt. Am Nollendorfplatz liegt ein erstochener Obdachloser. Der Kommissar verfolgt die Spur des Verbrechens bis in den Ersten Weltkrieg auf die Felder der Zerstörung in Nordfrankreich. Doch dann schalten sich der NS-Polizeichef, die SA und die Politische Polizei ein und machen Gereon Rath die Ermittlungen schwer.

Ich bin sicher, dass auch Märzgefallene das Potenzial zum Bestseller hat. Schon die anderen Krimis von Volker Kutscher landeten auf der Spiegel-Bestsellerliste. Gereon Raths fünfter Fall spielt auf den Rändern der Legalität. In der Burg, so nennen die Beamten das Polizeipräsidium am Alex, in dem sie arbeiten, war es schon angenehmer zu ermitteln. Volker Kutscher übertrifft selbst Schwedenkrimis an Spannung.