Die Unruhe der Welt

Ralf Konersmann – Die Unruhe der Welt

Seit wann brauchen wir ständige Veränderung zum Glücklichsein? Kulturphilosoph Ralf Konersmann hat Die Unruhe der Welt grundsätzlich hinterfragt.

Als ich dieses Buch aufschlug, fühlte ich mich an einen Cartoon des Berliner Zeichners Peter Butschkow erinnert: Ein Mann sitzt am Pool eines Club-Hotels und versucht, zwei Animateure abzuwehren, indem er sagt: „Ich will kein Volleyball! Ich will nicht surfen! Ich will kein Tennis! Ich will hier in Ruhe sitzen und saufen!!“

Die Unruhe der Welt
Die Unruhe der Welt

Man kann über diesen Wunsch geteilter Meinung sein, doch denkt man sich tiefer in die Situation hinein, offenbart der Cartoon eine tatsächliche gesellschaftliche Veränderung. Denn es gab eine Zeit, da galt dauerhafte Ruhe als Bedingung des Glücks: „Was ist das glückliche Leben? Sorgenlosigkeit und beständige innere Ruhe“, schrieb Seneca. Heute dagegen ist die Unruhe erstrebenswert, Ruhe gilt als Stillstand, der wiederum wird durch und durch negativ gesehen und gleichgesetzt mit Faulheit und Ideenlosigkeit.

Warum ist das so? Wie, wann und warum hat unsere westliche Kultur ihre Meinung über Ruhe und Unruhe so grundlegend geändert? Welche Konsequenzen und Gefahren birgt die ständige Unruhe – oder wirkt sie sich vielleicht doch eher positiv auf unser Leben aus? Philosophie-Professor Ralf Konersmann (geb. 1955) hat Die Unruhe der Welt analysiert. Er rekonstruierte, wie sich die Meinung der Menschen über Ruhe und Unruhe im Lauf der Zeit veränderte.

„Die Unruhe ist ein Daseinsgefühl, eine Welt voller Phantasien, voller Verheißungen und Pläne.“

Mit diesem Satz beginnt Ralf Konersmanns Die Unruhe der Welt, und lässt man ihn auf sich wirken, erkennt man, dass er für alle Bereiche des Lebens gilt. Beispiel Wirtschaft: Wachstum, Aufschwung, Konkurrenz sind mittlerweile unerlässlich für eine funktionierende Ökonomie. Beispiel Kunst: Ist im Werk eines Künstlers keine kreative Steigerung, was auch immer das sein mag, zu sehen, fällt es bei der Kritik gnadenlos durch. Beispiel Privatleben: Geschlechterrollen und Familienbilder werden ständig leicht verändert oder neu definiert, und ein beliebter Vorwurf an den Partner ist, dass er sich so gar nicht weiterentwickelt habe. Oder Beispiel Bildung: Das lebenslange Lernen ist nicht nur als notwendiges, sondern auch erstrebenswertes Ziel ausgegeben worden. Wobei „Ziel“ nicht das richtige Wort ist. Denn Ziele sind ja wieder Endpunkte.

Die Unruhe der Welt von Ralf Konersmann ist ein Buch über ein Thema, das wir alle kennen, mit dem wir alle ständig zu tun haben: die Weigerung, Dinge auf sich beruhen zu lassen. Philosophie mal nicht abgehoben, sondern lebensnah. „Ich will einfach nur hier sitzen“, sagt Hermann im bekannten Loriot-Sketch. Warum er das nicht durfte, wird nach der Lektüre von Die Unruhe der Welt jedenfalls klarer.

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